RÜDIGER Die Karten

PLASTIK



aus der Serie "mit die teilen" 367-tlg. / 2011 / Jute, Acryl, Dispersion / je ca. 16 x 16 x 30 cm aus der Serie "immerhin" / 2011 / Stahl, Jute, Dispersion, Acryl / Größe variabel aus der Serie "Gleichungen" / 2011 / Jute, Dispersion, Acryl / Größe variabel aus der Serie "was denkst du" / 2011 / Stahl, Jute, Dispersion, Acryl / Größe variabel wenn die Tage / 2011 / Stahl, Jute, Draht, Acryl / 141 x 26 x 61 cm was in der Vergangenheit / 2010 / Stahl, Jute, Spachtel, Acryl / 70 x 35 x 72 cm 1991, 1996, 1998 / 2010 / Gips, Jute, Wachs / je ca. 11 x 30 x 35 cm aber die Geschichte / 2010 / Gips, Stahl, Draht, Lack / 60,5 x 42 x 42 cm andere aber glauben / 2009 / Stahl, Jute, Gips, Beize, Lack, Holz / 24,5 x 7,5 x 7,5 cm aus dieser Entfernung / 2010 / Gips, Jute, Spachtel, Acryl, Stahl, Lack / 31 x 29 x 29 cm dann höre ich dich: und wäre es anders // wer betroffen ist // doch die Hoffnung / 2009 / Gips, Draht, Wachs / 7 x 11 x 11 cm ein Vorschlag / 2009 / Papier, Karton, Lack / 11,5 x 25 x 6,5 cm gleichzeitig woanders / 2009 – 2010 / Stahl, Jute, Gips, Wachs / 15,5 x 14 x 14,5 cm aus: irgendjemand spazieren – oder wer frisst die großen / Erinnerungen / 2010 / Stahl, Gips, Jute, Wachs / 45 x 23,5 x 23,5 cm aus: irgendjemand spazieren – oder wer frisst die großen / 2010 / Stahl, Jute, Draht, Gips, Wachs / 35 x 44 x 35 cm ist es zu spät / 2010 / Jute, Bitumen, Beize / 14,5 x 43 x 25 cm und dieses Konzept / ein anderes Ziel / 2010 / Stahl, Jute, Draht, Gips, Wachs / 80 x 86 x 85 cm und dieses Konzept / so anders / 2010 / Stahl, Jute, Draht, Gips, Wachs / 63 x 115 x 70 cm wenn an anderen Tagen / 2009 / Karton, Papier, Lack / 44,5 x 18 x 1,5 cm wer wird dagegen sein / 2009 / Stahl, Jute, Draht, Gips, Wachs / 22,5 x 12,5 x 12,5 cm wie langen warten / 2010 / Gips, Jute, Stahl, Acryl, Draht, Lack / 36 x 107 x 36 cm woher / 2003 / Stahl, Gips, Wachs / 9,5 x 20 x 11 cm woher / sie kennt sich gut aus / 2003 – 2009 / Stahl, Gips, Wachs / 7 x 5 x 5 cm



REZENSION



Gestalt gewordene Gedanken
Aus der Skulpturenwelt von Rüdiger Penzkofer

Ohne Pathos, zart, dünnhäutig, verwundbar und oft nur Fragment, gleichen Rüdiger Penzkofers Skulpturen Entwürfen, virtuosen Modellen sensibler Visionen aus Gips, Draht, Jute und Wachs. Rüdiger Penzkofer erzählt von verlorener Tradition und überlebter Avantgarde. Mit weichem, weißem Gips füttert und ummantelt er die raue Oberfläche eines auf dünnen Drahtfüßen stehenden turmartigen Rundkörpers. Das kleine, fragile „Gebäude“ ist innen hohl und hat kein Dach. Auch Fenster und Türen fehlen. Der Künstler nennt es „aber dann heute Nacht“.

Penzkofers selbstbezügliche Skulpturen geben sich spröde und rätselhaft ohne abweisend zu sein. Ein fragiler Stolz und eine lapidare, fast trockene Monumentalität sind ihnen eigen. Dutzende von langen, dünnen Drähten balancieren behutsam, Spinnenbeinen gleich, einen weich modellierten, ringförmigen Körper aus Gips und Draht. „aber die Geschichte“ lautet der Titel dieser Arbeit. Die zierliche Figur wirkt hilflos, scheint gefährdet und in ihrer Eigenwilligkeit fast gespenstisch bewegt. Die Materialien machen deutlich, dass wir es mit einem Entwurf, einer Als-Ob-Situation zu tun haben. Rüdiger Penzkofers Skulpturenwelt stellt sich in der Möglichkeitsform dar, ist Kunst im Konjunktiv. Geschmeidig leugnen seine Figuren jede Schwere. Gerade der Modellcharakter seiner Arbeiten, der mitunter nach einer Ausführung, einem größeren Maßstab und fester Stofflichkeit zu verlangen scheint, erregt auf ungeahnte Weise unsere Vorstellungskraft. Wie ein Provisorium oder wie das Gestell einer arabischen Kopfbedeckung aus Tausendundeiner Nacht mutet „gleichzeitig woanders“ an, ein kleiner, kronenartiger Kuppelbau mit tentakelartigen Stützen und ohne Baldachin. In ihrer Anmut und Verletzlichkeit gleichen Rüdiger Penzkofers Skulpturen Gestalt gewordenen Gedanken. Seine archetypischen Formen benennen Grundbedingungen unserer Zivilisation. Das Turm-Motiv als Gehäuse menschlicher Existenz, als wehrhafter Schutzraum, als Körper (Haus/Haut) hat eine Schlüsselfunktion in seinem Oeuvre ebenso wie das Motiv Schale, Gefäß. Der Turm bedeckt, umhüllt, schützt, wacht und ist Hort. Penzkofers Türme sind zylindrisch, mitunter nach oben verjüngt. Es sind Räume, in die man nicht hinein- und aus denen man nicht hinausgehen kann. Ohne Fenster, ohne Tür sind es Orte des Rückzuges und der Konzentration.

Wieder erkennbare Formen bilden Ruhepole. Penzkofer zitiert Formen unserer häuslichen Lebenswelt, die Geborgenheit vermitteln, in ihrer Reduktion und Geschlossenheit  jedoch zugleich als Chiffren von Einsamkeit und Gefangenschaft gelesen werden können. Kleine Drahtgehege stabilisieren sich auf flachen, weißen Schalen. Die Gitter sind dünn, brüchig und ohne Funktion. „dann höre ich dich“ heißt die Werkgruppe. In einem Wechselspiel von Statik und Dynamik, Ruhe und Zerrissenheit, kalkuliert der Künstler bewusst mit den Empfindungen von Irritation, Unsicherheit und Gefährdung.

Penzkofers Skulpturen scheinen einem Muster zu folgen. Einfache geometrische Formen werden isoliert, fragmentiert, neben- oder aufeinander gesetzt, dekorative Details fehlen. Es sind auf ihre jeweilige Urform verknappte Gefäß-, Skelett- und Architekturelemente. Der Künstler unterhält – so scheint es - ein vielschichtiges Gespräch mit der Tradition. Wie selbstverständlich und mühelos wechselt er vom Plastischen zum Malerischen, kalkuliert die verführerische Kraft von glatter Fläche und abgründiger Form, von Licht und Schatten. Penzkofer arbeitet in kleinem oder übergroßem Maßstab, im Irrealis und mit einfachen, vergänglichen Materialien. Er benutzt die Darstellungsmittel des Architekten, aber verwendet sie nicht in dessen Sinn. Penzkofers Skulpturen sind keine Planungen, sondern plastische Bilder, die Gestalt gewordenen Gedanken eines freien Künstlers.

Penzkofer zögert nicht, natürliche und künstliche Stoffe – Holz, Jute, Lack und Acryl – miteinander zu vermengen, Rohmaterial und bearbeitete Formen unvermittelt aufeinander prallen zu lassen. Wichtig, so scheint es, ist ihm allein der Ausdrucksgehalt. Geschlossene Körper – Turm und Schale -, in denen, wohl austariert, die Spannung der Kreisrundung bis zum Äußersten vorangetrieben wird, stehen neben raumdurchlässigen, alle Materialität leugnenden Formationen. Penzkofer spielt mit der spezifischen Wirkkraft der häuslichen Werkstoffe und demonstriert, dass sich alleine mit Gips und Jute eine Geschichte erzählen lässt: schwarze Drahtenden ragen bedrohlich aus „das kann man nicht vergessen“, offenbaren die Konstruktion und verwandeln in ihrer eigenwilligen Unordnungspoetik – alle stehen letztlich schief – den jutegefütterten „Turm“ in ein widerspenstiges, licht bewegtes Stück Leben.

Penzkofers Figuren sind klein. Manche jedoch wachsen ins Unermessliche. Mit Nachdruck wird der Betrachter darauf verwiesen, dass er es mit einer metaphorischen Als-Ob-Situation zu tun hat. Es sind gebaute Bilder, die Erlebtes, Erdachtes, Erfundenes, Erkanntes, vielleicht auch Ersehntes zur Darstellung bringen. Zu sprechenden Zeichen verdichtet, stimulieren sie die Phantasie. Liest man die Titel, kommt einem unwillkürlich der Gedanke „was wäre wenn…?“. Titel wie „ist es zu spät“, „das kann man nicht vergessen“, „irgendjemand spazieren“ oder „wer wird dagegen sein“ offenbaren vermeintlich Absurdes. Letztere Arbeit benennt eine Zipfelmütze mit Patina oder eine streng geschnittene Turmkappe auf Beinen. Sicher ist nur eines: sie wirkt mobil. Penzkofers Arbeiten entziehen sich einer begrifflichen Bestimmung. Sie enthalten eine Vielfalt unterschiedlicher Blickwinkel. Mit seinen aphoristischen Werktiteln, die sich lesen wie ironische Lagebeschreibungen, verleiht er seinen Skulpturen eine poetische Identität. Ihnen allen werden Geschichten zugedacht, mitunter auch grausame: „20.10.2004“. Man erkennt eine dunkle, am Boden stabilisierte Rundform, eine umgedrehte Schale. Die sorgsam gewickelten Bahnen einer dunklen Kordel umschließen ihre flache Wölbung. Ein tiefer, vertikaler Schnitt öffnet und spaltet den weich wirkenden Körper an seiner runden Kuppe. Oder Abenteuergeschichten: „1996“. Hier entwächst ein wilder Wirbel sandfarbener Schnurenden einer hellen, flachen, frei schwingenden Schale. Er scheint kaum zu bändigen. Oder: Andeutungen flüchtiger, zärtlicher Stunden: „Worte/nachts, leise, so leicht“. Die Arbeit zeigt zierliche Drahtfüße, sie tragen helle, halbzylindrische Tuchformen, unwillkürlich denkt man an windgeblähte Segel.

Im Gruppenbild seiner Skulpturen schafft sich der Künstler eine eigene Bühne, experimentiert mit den Mitteln des Theaters, mit Inszenierung, Kulisse und Szene. Ihre Unbeweglichkeit kaschiert er keinesfalls, doch sehen wir sie, das ganze Repertoire, dicht an dicht, geduckt und verschwindend klein neben den schweren Pfeilern, als suchten sie Schutz vor den Unbilden des freien Platzes in den Galerieräumen des Schorndorfer Kunstvereins.

Penzkofers Skulpturen changieren zwischen Individuum und Typus. In „später, früher 2“ öffnet sich, so scheint es, ein Oktogon. Zwischen sieben Drahtstangen spannen sich dünne Lackhäute. Der fragile Körper wirkt ätherisch, Penzkofers Farbaskese bewirkt auch hier eine Entkörperlichung des Materials. Unwillkürlich sucht der Blick Halt an Kanten und Umrisslinien. „die Rekonstruktion dieser Geschichte“ und „es wäre doch leicht gewesen“ bilden aus skulpturalen Versatzstücken ein kontrapunktisches Paar. Asketische Nacktheit steht neben dichter Ummantelung, Zurückhaltung begegnet Bodenhaftung, Fragilität körperlicher Expansion. Mit der  hellen, breiten Sc
hauseite des Einen kontrastiert die hohe, dunkle Front des Anderen.
Ihre disparate Einheit ist eine dialektische.

Alle Objekte Rüdiger Penzkofers befinden sich in potentiell labilem Zustand. Sie tänzeln und tasten, schreiten und wanken, schaukeln, kippen und zerbrechen oder dehnen sich elastisch und verjüngen ihre hellen Körper Stufe um Stufe. Kühn durchdringen bewegte Formen - Kreise, Bögen, Zacken und spitze Stäbe - die zeichenhaften Gestaltkerne. Neben unverletzten Kuppelformen liegen, wehrlos niedergestreckt, phallische Hohlkörper, deren Inneres sich schlundartig öffnet. Glatte, weiche Haut umschließt die liegenden Formen. Die Körper werden beschnitten, verkantet oder auf den Kopf gestellt. Dickleibige Torsi begegnen zeltförmigen Reihungen. Ihre Variationen sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Manche scheinen aus heiterem Himmel auf den Boden gestürzt, am Aufschlagpunkt gekippt und in eine leichte Schräglage versetzt – ein Bild des Festgefahrenseins, eine paradigmatische Situation, die jeder kennt. Das Arrangement seiner Skulpturenlandschaft mutet uns spöttisch, augenzwinkernd an. Sie ist mit leichter Hand subtil gesetzt, widerspenstig, frei und entbehrt nicht einer unterschwelligen Heiterkeit. Um mit La Rochefoucauld zu schließen: „Es gibt schöne Dinge, die heller leuchten, wenn sie unvollkommen sind“.

Ricarda Geib (Kunsthistorikerin, Stuttgart)







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